Die Ausstellung âDiane Arbus: Konstellationenâ im Berliner Gropius Bau zeigt mit 454/455 Fotos die bislang umfassendste ArbusâSchau in Deutschland â und genau diese MaterialfĂźlle ist laut der DOCMAâKritik ihr grĂśĂtes Problem.
Die Bilder hängen auf schwarzen Gitterwänden in einem labyrinthischen Parcours ohne chronologische oder thematische Ordnung. Besucher:innen sollen âunerwartete Verbindungenâ selbst entdecken, was in der Praxis wie eine kuratorische Kapitulation wirkt: Der rote Faden geht in der Masse der Motive weitgehend verloren.
Wer Arbusâ Entwicklung von Modeâ und Magazinaufnahmen hin zu den ikonischen Porträts von AuĂenseiter:innen nachvollziehen mĂśchte, muss sich das aus der Bildflut selbst zusammensuchen. Die Ausstellung wird so eher zur âMaterialschlachtâ als zu einer gezielten EinfĂźhrung in ein komplexes Ĺuvre.
Besonders scharf kritisiert der DOCMAâText die Ăbersetzung der Bildtitel im Begleitheft: Arbusâ oft schonungslose Begriffe wie âgiantâ, âdwarfâ, âfat manâ oder âtransvestitesâ werden zu âGroĂwĂźchsigenâ, âKleinwĂźchsigenâ, âMehrgewichtigenâ oder âTrans* Frauenâ entschärft. Diese terminologische Weichzeichnung wird als Eingriff in die historische und konzeptuelle Substanz des Werks gelesen, weil sie Arbusâ direkten, konfrontativen Blick nachträglich âbravâ macht.
Der Zwang zu gendergerechten und medizinisch korrekten Formulierungen wirkt hier weniger wie notwendige Sensibilität als wie eine sprachpolitische âĂberkorrekturâ, die Distanz schafft, wo Arbus Nähe und Irritation gesucht hat.
Vor dem eigentlichen Rundgang steht ein groĂflächiges Statement von Neil Selkirk, der seit Arbusâ Tod ihre Negative printet. Er rechtfertigt ausfĂźhrlich Unschärfen, KĂśrnung und Grauschleier als bewusste Nachempfindung der ursprĂźnglichen DunkelkammerâBedingungen â eine Aufwertung des âUnperfektenâ als Authentizität.
Die Kritik bemängelt, dass diese technische Selbstverteidigung ausfĂźhrlicher gerät als die Kontextualisierung der abgebildeten Personen und Milieus. Statt Geschichten, HintergrĂźnde oder gesellschaftliche Spannungen zu beleuchten, bleibt vieles im Vagen; das âAuraâArgumentâ der unvollkommenen Prints ersetzt kuratorische Vermittlungsarbeit.
Trotz aller Kritik bleibt der Kern erfahrbar: Arbusâ Mischung aus Nähe und Unbehagen, ihre Begegnungen mit Menschen, die damals als âRandständigeâ galten, und ein Werk, das den Blick auf Normalität radikal verschiebt. Andere Stimmen betonen, dass gerade das Labyrinth ohne feste Ordnung einen âStreifzug durch die Gehirnwindungen der KĂźnstlerinâ ermĂśgliche â auf Kosten der Ăbersicht, aber mit hoher Intensität.
Die DOCMAâFormel âWenn 455 Bilder den roten Faden verschluckenâ fasst damit einen grundsätzlichen Konflikt zusammen: Zwischen maximaler Vollständigkeit und der Verantwortung, ein Werk so zu strukturieren, dass heutige Besucher:innen mehr mitnehmen als bloĂe Ăberforderung.