Jelena Bulajic nutzt Malerei, um die Funktionsweise von Fotografie radikal zu hinterfragen: Sie interessiert sich weniger fĂźr âschĂśne Fotosâ als fĂźr die Bedingungen, unter denen Bilder Wirklichkeit behaupten â und diese Behauptung bricht sie gezielt auf.
In der Ausstellung âUntitled (after)â in der Kunsthalle MĂźnster arbeitet Bulajic nicht mit eigenen Aufnahmen, sondern mit bereits existierenden Bildern etwa von Hiroshi Sugimoto, Wolfgang Tillmans oder auch BerniniâFotografien als Ausgangsmaterial. Sie nimmt diese fotografischen Vorlagen als âZwischenstufeâ zwischen Welt und Malerei und fragt, wie sehr unsere Wahrnehmung von Realität bereits von solchen Bildern geprägt ist.
Dabei interessiert sie die Täuschung der Fotografie: das Versprechen, Realität einzufrieren, obwohl es sich immer nur um eine Ausschnittsâ und Oberflächenkonstruktion handelt. Ihre Arbeiten positionieren sich damit explizit als Kommentar zur allgegenwärtigen, digital und zunehmend KIâvermittelten Bilderflut.
Bulajic Ăźberträgt die fotografischen Motive in groĂformatige Malerei mit stark kĂśrperlicher Oberfläche â Risse, Blasen, LĂścher, Schichtungen machen die âHautâ des Bildes sichtbar. Sie setzt die Farbe extremen Bedingungen wie Hitze, Kälte oder Licht aus, sodass die physische Materialität das glatte, scheinbar neutrale Foto buchstäblich aufbricht.
Dadurch kippt der Fokus von der abgebildeten Szene auf das Gemachtsein des Bildes: Die Bilder legen ihre Konstruktion offen, statt Illusion perfekt zu kaschieren. Das steht im scharfen Kontrast zu digitalen und KIâgenerierten Bildern, die ihre KĂźnstlichkeit eher verbergen und reibungslose âEvidenzâ simulieren.
Die Kunsthalle MĂźnster beschreibt die Arbeiten als Werkzeuge zur âSchulung der Sinneâ: Bulajic verlangt vom Publikum langsames, genaues Hinsehen und ein aktives Befragen dessen, was auf der Bildoberfläche geschieht. Ihre Bilder funktionieren damit fast wie Forschungsinstrumente zur Wahrnehmung â weniger Statement, mehr Einladung, die eigene Bildgläubigkeit zu prĂźfen.
In der Praxis bedeutet das: Wer die Arbeiten betrachtet, wird mit der Diskrepanz zwischen fotografischer Illusion (z.B. Tillmansâ AtlantikâBrandung) und der weichen, verletzlichen Maloberfläche konfrontiert, die diese Illusion absorbiert und gleichzeitig relativiert. Fotografie dient Bulajic also als Ausgangsmedium, um die Grenzen von Realität, Reproduktion und Materialität nach der Fotografie auszuloten â nicht als Endpunkt, sondern als Problem, an dem Malerei weiterarbeitet.