Roland Gedanken und Recherche
Die Diskussion um KI-Bildkennzeichnung, EU AI Act und Fotografie läuft im Kern darauf hinaus, dass wir in Europa sehr bald verbindliche Transparenzregeln fĂźr digitale Bilder bekommen â und die Branche dafĂźr einen klaren âDigitalbildâCodexâ braucht.
Was der EU AI Act verlangt
- Der EU AI Act sieht vor, dass Bildâ, Audioâ und Videoinhalte, die mit KI erzeugt oder wesentlich verändert wurden und wie echte Aufnahmen wirken, eindeutig als solche kenntlich gemacht werden mĂźssen (Stichwort Deepfakes und generative KI).
- Ab 2026 werden diese Vorgaben schrittweise verbindlich: Dann reicht freiwillige Kennzeichnung nicht mehr, sondern fehlende oder irrefĂźhrende Hinweise kĂśnnen rechtliche Folgen haben.
- Praktisch wird Ăźberall dort eine Kennzeichnung und Dokumentation nĂśtig, wo im Bild âPixel im Spiel sind, die nicht durch ein reales Objektiv gesehen wurdenâ â also generierte Inhalte, stark rekonstruierte Bildteile oder compositingâartige KIâEingriffe.
Warum das fĂźr Fotografie besonders sensibel ist
- Fotografie baut auf Vertrauen in die Abbildlichkeit: Gerade in Journalismus, Reportage, Wissenschaft oder Dokumentation gehen Betrachtende davon aus, dass ein Foto eine reale Situation zeigt.
- Generative KI verwischt die Grenzen zwischen Aufnahme, klassischer Retusche und vollständig synthetischer Szene; AuĂenstehende kĂśnnen oft nicht mehr erkennen, ob ein Motiv fotografiert, stark bearbeitet oder komplett erzeugt ist.
- Gleichzeitig gehĂśrt KI in vielen Workflows längst zum StandardâWerkzeugkasten (z.B. Entrauschen, Upscaling, HintergrĂźnde bereinigen), während juristisch noch nicht immer trennscharf definiert ist, ab wann genau eine Kennzeichnungspflicht greift.
Warum ein DigitalbildâCodex nĂśtig ist
- Der EU AI Act definiert Pflichten, aber keinen konkreten Branchenstandard, wie Fotograf:innen, Agenturen, Redaktionen oder Archive das praktisch umsetzen sollen â etwa bei Metadaten, Workflows und Labels.
- Ohne gemeinsamen Codex drohen: ein Flickenteppich aus eigenen LabelâSystemen (âAI assistedâ, âCompositeâ, âRetouchedâ), inkompatible MetadatenâStrukturen und Rechtsrisiken, weil sich KIâEingriffe nicht sauber nachweisen lassen.
- Initiativen wie CAI/C2PA zeigen, wie sich Entstehung und Bearbeitung eines Bildes kryptografisch in Metadaten verankern lassen, sind aber in der Fotobranche noch längst nicht flächendeckend angekommen.
Ein sinnvoller DigitalbildâCodex sollte mindestens drei Ebenen klar definieren:
1. Bildkategorien
- âFotografisch dokumentarischâ â Aufnahme mit Ăźblichen, transparenten Anpassungen (Tonwerte, Zuschnitt etc.).
- âFotografisch inszeniert/Compositingâ â reale Aufnahmen, aber mit deutlichen Eingriffen wie Montagen, Austausch von Bildelementen.
- âKIâassistiertâ â reales Ausgangsmaterial, bei dem KI sichtbar in Motivstruktur eingreift (z.B. Generieren/Ersetzen grĂśĂerer Bildteile).
- âRein KIâgeneriertâ â Bilder ohne reale Aufnahmebasis.
Zu jeder Kategorie bräuchte es klar verständliche Bezeichnungen nach auĂen (z.B. standardisierte Textlabels oder Piktogramme) und interne, einheitliche Tags/Metadaten.
2. PflichtâMetadaten und Nachvollziehbarkeit
- Welche KIâWerkzeuge wurden eingesetzt (Name, Version, ggf. Presets)?
- In welcher Bearbeitungsstufe (Basisentwicklung, Retusche, Compositing, Generierung)?
- Wer trägt Verantwortung: Fotograf:in, Retoucher:in, Agentur, Redaktion oder KIâServiceanbieter?
Diese Informationen sind nicht nur fßr Transparenz wichtig, sondern auch fßr Urheberrecht, Haftungsfragen und die Beweisfßhrung bei Streitfällen.
3. Praxisregeln fĂźr VerĂśffentlichung und Einsatz
- Festlegen, in welchen Kontexten reine KIâBilder nicht oder nur sehr restriktiv verwendet werden dĂźrfen (z.B. Nachrichtenbilder, Gerichtsâ und Krisenberichterstattung, wissenschaftliche Dokumentation).
- Vorgaben fĂźr Bildunterschriften, Credits und Lizenztexte (z.B. âFotografie mit KIâgestĂźtzter Bearbeitungâ, âsynthetisches Bildâ) in Web, Social Media und Print.
- Klare Archivâ und Agenturregeln: Trennung und Filterbarkeit nach âKIâfreiâ, âKIâassistiertâ und âsynthetischâ, damit Bildredaktionen gezielt recherchieren kĂśnnen.
Gerade fßr dich als Fotograf ist so ein Codex doppelt relevant: Du brauchst einerseits rechtssichere, vertrauenswßrdige Workflows in der eigenen Produktion, andererseits ein verständliches Modell, mit dem du diese neuen Bildkategorien und Kennzeichnungspflichten ßberblicken kannst.